Damit Panzerknacker keine Chance haben

Wer einen Kassenschrank im Büro stehen hat, glaubt seine Wertsachen sicher aufbewahrt. Eine trügerische Sicherheit, denn häufig sind Tresore nicht annähernd so sicher, wie sie scheinen. Worauf Firmenchefs beim Kauf eines Kassenschranks achten sollten.
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Wie so oft war Nik Vetsch auch an diesem Sonntag, dem 1. Mai 2011, unterwegs in seine Firma, um noch einige Büroarbeiten zu erledigen. Dort angekommen, staunte er nicht schlecht, als er ein halbes Dutzend Polizisten samt einigen Spürhunden antraf. «Jetzt hat man mir schon wieder den Laden ausgeräumt und die Kasse geklaut», dachte sich der Unternehmer noch. Das wäre dann schon der dritte Einbruch und die dritte entwendete Kasse in den letzten Jahren. Da er aber nie viel Bargeld darin aufbewahrt, ist der Ärger über die Reparatur eingeschlagener Fenster oder Türen meist grösser als die gestohlenen Beträge. Das Bargeld sowie alle wichtigen Dokumente bewahrt Nik Vetsch in seinem Tresor auf – und den haben Einbrecher bisher noch nie geknackt. «Mein Tresor ist 120 Kilogramm schwer und gut versteckt. Der ist bombensicher», war der Inhaber der Sonnensegel-Firma überzeugt. Ein fataler Irrtum, wie sich herausstellte. Beim dritten Einbruch war es nämlich doch passiert: Sein Tresor wurde aufgebrochen – und das mit dem firmeneigenen Werkzeug in der Schlosserei im Untergeschoss. «Die haben den Tresor durch das Fenster im ersten Stock gehievt, auf den Parkplatz hinter dem Gebäude fallen lassen, sind unten in die Schlosserei eingebrochen und haben den Kassenschrank seelenruhig mit einer Trennscheibe aufgetrennt.» Videokameras von der benachbarten Autogarage zeigen: Dafür haben die drei Täter nur eineinhalb Stunden gebraucht. Die Einnahmen, die Nik Vetsch sorgsam in seinem Tresor aufbewahrt hatte, waren weg.Dass Grösse und Gewicht nicht immer ausschlaggebend sind, weiss auch Urs Menzi, Geschäftsführer der Waldis Tresore AG, eines Kassenschrank-Spezialisten aus Rümlang ZH. «Eine Statistik der Kriminalpolizei Zürich zeigt, dass 90 Prozent der Tresore bei Einbrüchen geknackt oder komplett geklaut und dann in Ruhe aufgebrochen werden.» Das liegt gemäss Urs Menzi daran, dass auf dem Markt zu viele Billigprodukte angeboten werden, die den Namen Tresor nicht verdienen, sondern «armierte Briefkästen» seien.

Büros verwüstet, Geld weg

Im Fall von Nik Vetsch war der geknackte Kassenschrank nicht das einzige Übel: Auf der Suche nach dem Tresor hatten die Täter die Büros und Verkaufsräume der Vetsch AG komplett auf den Kopf gestellt und verwüstet. Auch das ein typisches Schema für Einbrecher, weiss Kassenschrank- Spezialist Urs Menzi: «Wenn der Tresor gut versteckt ist, ist die Zerstörung meist umso grösser, da Einbrecher wahllos alles öffnen, umstürzen und durchsuchen. Dabei geht meist sehr viel Mobiliar in die Brüche. Trifft ein Einbrecher jedoch schnell auf einen qualitativ hochwertigen Tresor, wird er sich nicht lange abmühen, sondern das Haus schnell wieder verlassen, ohne grossen Schaden anzurichten.» Ein sicherer Kassenschrank sollte also entgegen allen vorherrschenden Vermutungen möglichst prominent platziert sein.

Tresore meist zu wenig sicher

Eine weitere Sicherheitslücke kann das Tresorschloss darstellen: Konventionelle Schlüsselschlösser bieten weit weniger Sicherheit als elektronische Zahlenschlösser. Zudem bewahren die meisten Tresorbesitzer einen Zweitschlüssel in denselben Räumlichkeiten auf. Das wissen Einbrecher und machen sich auf die Suche danach – die polizeiliche Kriminalstatistik 2010 zeigt: 25 Prozent aller Schlüssel werden gefunden und der Kassenschrank ohne weitere Anstrengungen geplündert. Weitere Indizien, die auf einen unsicheren Tresor hinweisen, sind Hohlgeräusche beim Klopfen an die Seitenwand. Wer einen wirklich sicheren Tresor möchte, kann sich jedoch beim Kauf leicht orientieren und sollte auf die Zertifizierung achten: «Kassenschränke, welche gemäss EN-Norm zertifiziert sind, versprechen grösstmögliche Sicherheit», versichert Urs Menzi. Dabei unterscheidet man zwischen verschiedenen Widerstandsgraden, die vor der Zertifizierung durch Angriffe mit den verschiedensten Werkzeugen getestet wurden. Mit jedem zusätzlichen Widerstandsgrad liegt die Dauer, die man zum Knacken eines Tresors benötigt, um ein Vielfaches höher. Denn meist ist Zeit das Einzige, was selbst gut organisierten Einbrechern nicht beliebig zur Verfügung steht.

Vorgesorgt ist halb gewonnen

«Nicht jedes KMU benötigt einen Kassenschrank mit Widerstandsgrad 5», meint Markus Frischknecht, Leiter Underwriting Industrie der AXA Winterthur. Er rät Kunden, sich zu überlegen, welches die höchste Versicherungssumme ist, die sie wirklich benötigen, oder anders gesagt: wie viel Geldwerte höchstens im Tresor liegen. So können in einem EN-zertifizierten Kassenschrank mit Widerstandsgrad 2 bereits bis zu 50’000 Franken versichert werden, bei Widerstandsgrad 5 bis zu einer Million. Im Falle von Nik Vetsch konnte die Versicherung hingegen wenig tun: Der geschädigte Unternehmer hatte seine Versicherung lediglich mit der Grunddeckung bis 5000 Franken abgeschlossen. Der Rest des Bargelds, das ihm entwendet wurde, konnte ihm deshalb nicht ersetzt werden. Das geschieht Nik Vetsch nicht noch mal: «Ich habe mich von der Waldis Tresore AG beraten lassen und einen neuen, EN-zertifizierten Tresor gekauft, der ganz prominent im Büro platziert ist – dafür aber mit Stahldübeln achtfach in Boden und Wand verankert. » Zusammen mit seinem Versicherungsberater hat er anschliessend die Policen angepasst. «Damit ist der Inhalt meines Tresors doppelt abgesichert – und das für eine nur unwesentlich höhere Prämie. » Auch Markus Frischknecht rät zu präventiven Massnahmen: «KMU sollten sich unbedingt informieren, ob ihr Tresor sicher genug ist. Und zwar, bevor etwas passiert.» Wer sichergehen will, sollte sich einen EN-geprüften Kassenschrank leisten und dafür sorgen, dass dieser fest mit dem Gebäude verankert ist, und sich vom Versicherungsfachmann beraten lassen. Nicht umsonst heisst ein Sprichwort: «Vorsorge ist besser als Nachsehen.» Oder wie Firmenchef Nik Vetsch es formuliert: «Sollen die nur wieder kommen – diesmal bin ich vorbereitet!»

Autor: Melanie Ade

Bericht aus der Zeitschrift Meine Firma Ausgabe 04/2011

https://www.tresore.ch/wp-content/uploads/111204-Damit-Panzerknacker-keine-Chance-haben.pdf